1965 bis 2005:
Adventskranz und Striptease

Der Konzertbeobachter war geschockt. Was er da erlebt hatte am 22. Dezember 1968, erschütterte seine Wertvorstellungen.

"Es begann alles ganz harmlos", schrieb er, "die Beat-Band ´The Electric Sandwich´ intonierte ´Stille Nacht, heilige Nacht´, der Gitarrist setzte sich einen brennenden Adventskranz à la Fritz Teufel auf. Doch dann geschah es: Ein Band-Mitglied legte einen vollendeten Striptease aufs Parkett, tatkräftig unterstützt von einigen politisch links gerichteten Freunden. Das Publikum war empört, Buhrufe waren zu hören. Der Veranstalter will Anzeige erstatten."

Harte Zeiten für einen Journalisten. Er musste für den "General-Anzeiger" über ein Beat-Festival im Studio der Bonner Beethovenhalle berichten. Vier Beat-Bands traten auf: Groovy Inspiration, Electric Sandwich, Sunday Feeling, The Guards. Und eine spanische Folkloregruppe, zwei deutsche Folkloresänger und - ein Zauberkünstler.

Die Zeitungen wussten noch nicht so recht, wie sie über die neuen Erscheinungsformen der Musik schreiben sollten. "Sieben Bands spielten `gegen` 1200 Fans", hieß eine Schlagzeile über ein "beat-in" in der Godesberger Stadthalle. Und weiter: "Ergriffen beobachtete man die Stargitarristen im trauten Zwiegespräch mit ihrem Superverstärker, dem Publikum den Rücken zudrehend. Preisfrage: Wer fasziniert wen? Der Gitarrist den Verstärker, der Phonspender den stahlbesaiteten Elektroknaben oder beide das Publikum? Die Antwort konnte nur heißen: Alle faszinierten alle. Es war das Phänomen der elektronisch-akustisch-massenpsychologischen Rückkopplung." Wer waren diese unverstandenen Musikanten? Take Five, The Guards, Two Plus One, The Shaggies, The Suiciders und The Sirens.

Wilde 60er. Und das nicht nur musikalisch. Die Deutschen sahen, wie der erste Mensch seinen Fuß auf den Mond setzte, erlebten den Kennedy-Mord, bestaunten den Minirock, hörten Beatles-Musik und konnten die Sex-Welle nicht stoppen.

Bonn empfing hohe Staatsgäste, Charles de Gaulle 1962, Elizabeth II 1965. Der "Lange Eugen" - das Abgeordneten-Hochhaus - wurde im Februar 1969 eingeweiht, Bonn machte sich größer. 1969 wurden Bad Godesberg, Beuel und acht weitere Gemeinden eingegliedert. Rund um den Brunnen am Kaiserplatz war die Szene zu Hause. Abends saß man draußen unter den Kastanien auf der erhöhten Terrasse der Kaiserhalle, nach Mitternacht öffnete Conny mit weißer Kellnerjacke nur denen, die er kannte, die Tür zur Kaiserklause auf der Rückseite des Hauses. Die erste Fußgängerzone (Wenzelgasse) wurde eingeweiht, während auf dem Münsterplatz noch Autos ihre Kreise drehten.

1968 sorgte die Große Koalition unter Kurt Georg Kiesinger und Willy Brandt mit ihren Notstandsgesetzen für Studentenunruhen, die es in dieser Dimension nicht mehr gegeben hat. Mehr als 300.000 Menschen versammelten sich zu Protesten auf der Hofgartenwiese, Hannes Heer und der SDS machten gewaltig Stunk an der Universität. Bonn zwischen bravem Bürgertum und aufrührerischen Studenten.

Dabei hatte schon Jahre zuvor etwas begonnen, das die Jugendlichen in der ganzen Welt, auch in der damaligen Bundeshauptstadt, ziemlich aufwühlte.

© 2005 by Rope Schmitz
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